Die
Hitparaden bestimmen die aktuellen Musiktrends und machen selbst aus
einer mittelmässigen Sängerin einen Superstar. Wie funktioniert
das Charts-System überhaupt?
von Patrick Stahl
Die Musikbranche gerät immer mehr unter Druck: Immer weniger CDs
werden gekauft. Die Konsumenten laden sich die aktuellen Hits aus
dem Internet runter. Doch die Hits werden weiterhin durch die
Hitparaden bestimmt.
Die Plattenfirmen springen gerne auf diesen Zug auf. Selbst die
Radiostationen spielen lieber den gleichen Song mehrmals pro Tag,
als unbekannte Nachwuchsbands zu fördern. Bands wie 4 Non Blondes
landen einen überraschenden Hit und versinken später für immer in
der unrühmlichen Liste der „One Hit Wonder“. Das Rezept für
Nummer-Eins-Hits ist simpel.>>>
In der Schweiz hat sich Ex Libris zeitweise nicht mehr an der
Hitparade beteiligt, weil sich der Grosshändler ungerecht behandelt
fühlte. Die offizielle Hitparade wurde so grob verfälscht. Die
erste Hitparade entstand 1914.
Erste Hitparade von 1914
Erste Versuche von Ranglisten der meist
gespielten Musiksongs entstanden in den USA bereits Ende des 19.
Jahrhunderts. Die Geschichte der Hitparade ist eng mit jener des
Radios verbunden.
Die erste Hitparade überhaupt wurde am 4.
April 1914 im US-Musikmagazin Billboard publiziert. Das Magazin
hatte dafür eine Umfrage in US-Grossstädten gemacht, welche Songs
in öffentlichen Räumen gespielt wurden.
Jukeboxen als Massstab
Später, in den 40er Jahren, folgte die
erste Hitparade nach Anzahl verkaufter CDs und teilweise auch anhand
der in Jukeboxen gespielten Songs. Europa erreichte die Hitparade
erst später.
Als eine der ersten Hitparaden im
deutschsprachigen Raum ging 1968 die Single-Hitparade auf Schweizer
Radio DRS auf Sendung.
Die Schweiz noch vor SWF 3
Noch vor Sendern wie SWF 3 hatte das
Schweizer Radio eine eigene nationale Hitparade. Seit 1968 bringt
Schweizer Radio DRS 3 wöchentlich die offizielle Schweizer
Hitparade. Die erste Nummer 1 waren damals weder die Beatles noch
die Stones oder Bee Gees, sondern das Lied „Monja“ von einem
gewissen Roland Wächter.
Rund 1'800 Mal ist die Schweizer Hitparade
bisher ausgestrahlt worden. Die früheren Top Ten wurden
mittlerweile auf 75 Musiktitel erweitert und der Sendertermin von
eins Dienstag, später Freitag auf jetzt Sonntag verlegt.
Sonntags ab 14 Uhr wird während vier
Stunden eine Auswahl an Songs aus der aktuellen Hitparade gespielt.
Die Schweizer Hitparade wird von der Media Control AG im Auftrag von
SR DRS und IFPI Schweiz ermittelt. Die Hitparade wurde im
vergangenen Jahr heftig kritisiert.
Schweizer Hitparade grob verzerrt
Die offizielle Hitparade in der Schweiz
führt immer wieder zu heftigen Diskussionen. So ist der
Grosshändler Ex Libris zeitweise ausgestiegen und hat während
über einem Jahr seine Verkaufsdaten nicht mehr an Media Control
abgeliefert.
Ex Libris mit seinen 117 Verkaufsstellen
hatte dagegen protestiert, dass die Verkaufsdaten prozentual
hochgerechnet werden statt die effektiven Plattenverkäufe zu
zählen. Media Control ist der Ansicht, dass Ex Libris ein zu
grosses Gewicht habe und mit Billig-Aktionen jederzeit die Charts
stürmen könnte.
Fachleute fordern deshalb längst eine
elektronische Erhebung der Verkaufszahlen. Ob man so der Wahrheit
näher kommt, ist indes offen.
Wie entsteht ein Sommerhit?
So wird’s gemacht: Man nehme ein Liedlein,
das vom Teenie bis zum Greis jeder kennt, peppe es mit ein bisschen
Latino-Feuer und Soul-Power auf, fertig ist das Viagra fürs Ohr.
Vor allem im Sommer wird die Hitparade zur
Wiederaufbereitungs-Anlage.
Dies zeigt Frank Popps aktueller Hit „Hip
teens don’t wear blue jeans“ mit Soundanleihen aus den 60er
Jahren. Oder DJ Bobos Hit „Chihuahua“, der ursprünglich von
einem kubanischen Mambo-Musiker stammt und bereits 1999 von Lou Bega
mit „Mambo No. 5“ aufgefrischt wurde. Ein Sommerhit darf den
Zuhörer in der Hitze nicht zu viel abverlangen. Er soll nostalgisch
anheimeln und dennoch frisch tönen. Qualität ist zweitrangig.
Das Schwestern-Trio „Las Ketchup“ aus
Spanien bewies im vergangenen Jahr wie aus schlechtem Englisch ein
Sommerhit werden kann. Ihr Song „Aserejé“ ist eigentlich die
Flamenco-Pop-Version des Rap-Klassikers "Rapper's Delight"
der Sugarhill Gang aus dem Jahre 1979. Doch der Text ist nicht
einfach ins Spanische übersetzt worden.
Vielmehr hat das Trio den englischen Refrain
so umgesetzt, wie er in den Ohren der meisten Spanier klingt. So
wurde aus "I said a hip hop a hippie the hippie" in ihrer
Version "Aserejé ja de jé de jebe", und "the boogie
and the boogity beat" verwandelte sich in "de bugi an de
buididipí".
Die Hits der Hits
Mariah Carey ist länger an der Spitze der
Hitparade gestanden als jede andere Musikgruppe. Mit "Thank God
I Found You", ihrem 15. Nummer-Eins-Hit, stand die Sängerin
zwischen 1999 und 2000 während mehr als 61 Wochen an der
Chartspitze. Damit brach sie den bisherigen Rekord der legendären
Beatles von 59 Wochen an der Spitze der US-Billboard-Charts.
Am längsten in den Schweizer Top Ten der
Hitparade vertreten war die schwedische Gruppe Abba, dahinter folgen
Madonna, Boney M, Michael Jackson, Bee Gees und die Beatles. Abba
hatten auch die meisten Nummer-Eins-Hits mit sieben Songs an der
Spitze der Schweizer Hitparade. Madonna und die Beatles hatten
sechs, Boney M. fünf Nummer-Eins-Hits.
In der Schweizer Single-Hitparade steht die
deutsche Rockband Scorpions mit „Wind of change“ an der Spitze
der ewigen Top Ten. Dahinter folgen Bryan Adams
„Have you ever really loved a woman“ und Rednex mit „Cotton
Eye Joe“. Der erfolgreichste Schweizer Titel ist “Grüezi
wohl, Frau Stirnimaa”.
|