Neue Sportdroge trübt den Zauber

 
   

THG verhiess Ruhm, doch erzielt wurde ein weiterer Skandal.

von Axel Zimmermann

Ivan Lendl (Tennis), Kelli White (Sprint) und Tim Montgomery (100 Meter) benutzten die bisher nicht nachweisbare Sportdroge THG (Tetrahydro-gestrinon), wie auch die Olympiasiegerin Marion Jones. Auch die beste Begabung und das härteste Training stossen an natürliche Grenzen. Wer noch mehr will, verfällt den Verlockungen des Dopings.

Alte und neue Geschichten

Damit verblasst der Zauber des Sports, der gesunden Freizeitbeschäftigung. Leistungs- und Spitzensport ohne Dopingskandale ist längst Geschichte. In den 1980er Jahren wurde mit dem Finger auf die osteuropäischen, staatlich gezüchteten Sportler gezeigt. THG wird nicht der Name des letzten Doping-Vorfalls sein. Conte, der THG-Erfinder, produziert das Gift ohne fachmännische Ausbildung.

Die ersten Ertappten sind zur Anhörung vor Gericht geladen.

Es geht um ihre Beziehungen zum Sportdrogen-Hersteller und Giftmischer Victor Conte junior. Das FBI ist ihm wegen illegalen Drogenhandels auf den Fersen. Nicht nur US-Sportler, sondern auch Leichtathleten in Europa haben von seinem Wundermittel profitiert. Die Nachforschungen führen bis in die Nachbarschaft der Schweiz.

Weltweite Bedeutung

Der Dauerlauf der Justiz hat gerade erst begonnen. Längst sind nicht nur ausschliesslich US-Sportler betroffen. In Europa, zum Beispiel in Deutschland, wurde THG auch eingesetzt. Die Sportseiten werden zeitweise mit Skandalberichten statt mit Aktion-Reportagen gefüllt. Gesicherte positive Tests häufen sich.


Die Designerdroge THG, ein Dopingmittel und Anabolikum, hat einen vorhersehbaren Wirbel ausgelöst. Die beabsichtigten Fortschritte der menschlichen Leistungsfähigkeit münden in Gerichtsverfahren und Strafen.

Pseudo-Wissenschafter ohne Abschluss

Der Chef der THG-Herstellerfirma Balco heisst Victor Conte. Er hat sich bei Sportlern als Ernährungsberater beliebt gemacht. Sein Fachwissen hat sich der Vater von drei Töchtern autodidaktisch angeeignet.

Profitiert hatte er vom Homöopathie-Unternehmen seiner früheren Frau. Einige Stars verehren Conte als eigentlichen Guru. Der 53-Jährige vermutete Zauberkünstler und Hexenmeister gilt als netter Typ.

Ruhm und Geld sind die Motivation  für illegales Tun

Die Basis des Erfolgs von Conte und seiner in den 1980er Jahren gegründeten Firma ist denkbar einfach. Die US-Langstreckenmeisterin Deena Drossin bringt es auf den Punkt: «Wenn es um Ruhm und viel Geld geht, werden Menschen auch weiter betrügen.»  Nun droht neun Monate vor den Olympischen Spielen 2004 in Athen ein Fiasko.

Der Zauber bekommt ein Gesicht

Die bislang unsichtbare Substanz wurde in der Firma Balco
(Bay Area Laboratory) in Burlingame, vor den Toren von San Francisco, hergestellt. Das Kürzel von THG lautet ausgeschrieben Tetrahydrogestrinon: Wie der Name tetra (vier) andeutet, sind vier kleine Änderungen am Grundstoff entscheidend.

Vier Atome machen es aus

Chemisch wurde die Grundsubstanz so verändert, dass sie im üblichen Test bisher unsichtbar war. Doch in den letzten Wochen sind die Chemiker den vier zusätzlichen Wasserstoff-Atomen auf die Spur gekommen. Der kurzlebige Zauber hat mit der Bezeichnung THG ein Gesicht bekommen..
 

Lebenslanges Olympia-Verbot

Auch Europäer sind betroffen: Die B-Probe des britischen 100m-Europameisters Dwain Chambers ist positiv. Ein Labor in Los Angeles hat ihn auf die Designer-Droge THG getestet. Weil A- und B-Tests THG anzeigen, gilt Chambers als des Dopings überführt.

Lebenslängliche und rückwirkende Folgen

Der 25-Jährige muss mit einem Disziplinarverfahren rechnen, das ihn hart treffen kann: Falls er vom britischen Leichathletikverband für schuldig befunden wird, soll er für mindestens zwei Jahre gesperrt werden. Laut den Richtlinien der British Olympic Association würde er lebenslänglich für Olympische Spiele gesperrt. Allenfalls drohen ihm und Staffel-Kollegen Aberkennungen von WM-Medaillen.

Kommentar:

Der nächste Fall ist bereits in Sicht

Ob bereits bei den Olympischen Spielen im alten Griechenland illegal gedopt wurde, ist fraglich. Aber es darf vermutet werden. Der Hoch-leistungssport, beziehungsweise dessen Zuschauer, verlangen nach
mehr und mehr. Immer neue Rekorde sollen gebrochen werden.
Jeder grosse Anlass verlangt nach neuen Höhepunkten.

Ohne Doping funktioniert es nicht

Der Einsatz unlauteren Wettbewerbs ist logische Konsequenz daraus. Nur wer die Grenzen der Legalität kitzelt, hat Chancen im Leichtathletik-Höchstleistungssport. Weil es um viel Ruhm, grosse Ehre und riesige Siegesprämien geht, ist auch die Versuchung unermesslich. THG wird nicht der letzte Dopingskandal sein.

 

 

 
 

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