Charakterköpfe


Ein Fussballteam vereint Männer aller Art. Das ist bei der Schweizer Nationalmannschaft nicht anders.

von Adrian Lüpold

Ein Fussballteam vereint Männer aller Art. Das ist bei der Schweizer Nationalmannschaft nicht anders. Ob introvertiert, naiv, besonnen oder heissblütig: Die Palette an Charakteren innerhalb einer Mannschaft ist breit gestreut.

Nicht immer gelingt es dem Übungsleiter einer Mannschaft, die Persönlichkeiten zu einem funktionierenden Ganzen zu formen, nicht immer passen die einzelnen Spielertypen und deren Charaktere zusammen.

Ein Blick auf fünf ausgewählte Schweizer Akteure soll zeigen, wie verschieden die einzelnen Sportler eines Teams sein können

Stiel: Der Extrovertierte

Torhüter sind speziell, sagt der Volksmund. Nicht nur weil sie sich wagemutig Eisenstollen und Knien entgegen werfen und dabei mitunter so viel abbekommen wie ein taumelnder Boxer.

Goalies sind wirklich anders. Nur schon, weil sie innerhalb des Teams Einzelkämpfer sind. Sie sind isoliert und exponiert. Sie verbocken mit Fehlern Spiele und erlangen oft den Status von Versagern, derweil ihre Stürmerkollegen zehn Mal neben den Ball hauen, um ihn beim elften Mal ins Tor zu jagen und die Huldigungen entgegenzunehmen. Top oder Flop, viel mehr gibt es für den Mann zwischen den Pfosten nicht.

Der Schweizer Jörg Stiel passt gut ins Bild der Sonderlinge. Seine Nickelbrille verleiht ihm etwas Intellektuelles, seine Eloquenz hebt ihn vom Durchschnitt ab. Und mit seinen Frisuren steht er einem Brad Pitt in nichts nach. Stiel versprüht Charisma. Kein Wunder, erhob ihn sein Trainer zum Captain.

Auf dem Platz fällt Stiel mit seinen Gebärden auf. Er grinst, muntert auf, schreit, verdreht die Augen. Kurz: Er verhält sich speziell. Der NZZ sagte Stiel: "Der Goalie ist König oder Bettler. Das ist wie im Leben. Mittelmass interessiert mich nicht."

Cabanas: Der Ungestüme

Ein kalter Abend in Moskau. Die Schweiz liegt im EM-Qualifikationsspiel gegen Russland mit 1:4 im Hintertreffen. Nur noch wenige Minuten bleiben zu spielen, die Schweizer haben sich ihrem Schicksal ergeben wie ein schuldiger Angeklagter, der vor Gericht auf das Urteil wartet.

Die Spieler wissen: Wenn wir in drei Wochen Irland schlagen, reicht es doch noch für die EM-Qualifikation. Ergo, das Spiel gegen die Iren wird ein Meilenstein. Auch Ricardo Cabanas weiss das. Doch Cabanas ist ehrgeizig. Er kämpft weiter, foult, reklamiert, führt sich auf wie ein Irrwisch und sieht die gelbe Karte.

Das bringt ihn zusätzlich in Wallung. Er ist frustriert. Die Russen merken das, provozieren den Mann mit den spanischen Wurzeln bis aufs Blut. Mit Erfolg: Eine Minute vor Schluss verliert Cabanas die Fassung wie ein Kind, das Schokolade will, sie aber nicht erhält. Er schlägt einen Gegenspieler, wird des Feldes verwiesen.

So was darf nicht passieren“, sagt er hernach mit Tränen in den Augen. Cabanas weiss: Er wird das Spiel gegen Irland verpassen. Und was schlimmer ist. Die Sperre gilt auch für die erste Partie der EM. Bitter, dieser naive Aussetzer in Moskau.

Streller: Der Bescheidene

Wie ein Meteor krachte Marco Streller in dieser Saison in die helvetische Fussballlandschaft. Streller, mit 195 cm Körpergrösse ein Bild von einem Mann, ist mit viel Talent gesegnet. Beim 2:0-Sieg gegen Irland debütierte er auf internationaler Bühne.

Zuvor markierte Streller in der Meisterschaft in elf Spielen für Basel elf Tore und hievte sich in den Stand eines Popstars. Ob per Kopf, mit den Füssen oder gar per Oberschenkel: Streller trifft und trifft.

Doch er bleibt bescheiden, hebt bei jeder Gelegenheit den Teamgedanken hervor: „Wichtig ist nicht wer die Tore macht, sondern dass das Team gewinnt“, sagt er der Berner Zeitung.

So versiert Streller auf dem Platz seine Haken schlägt, so gross ist das Interesse reicher Klubs aus dem Ausland am Basler. Ob Berlin oder Liverpool: Teile der Fussballprominenz haben ein Auge auf Streller geworfen. Doch er bandelt noch) nicht an, wartet ab. „Mein Aufstieg in Basel war steil. Ich will mich etablieren, bevor ich ans Ausland denke.“ Bis ins Jahr 2005 läuft der Vertrag beim FCB, „und den werde ich erfüllen.“
 

Spycher: Der Kämpfer

Christoph Spycher verkörpert das Klischee des typischen Berners in Reinkultur. Obwohl er im Grasshoppers-Club zu Zürich seine Brötchen verdient und in einer pulsierenden Stadt lebt, wirkt sein Habitus ruhig, hat ihn die Hektik nicht eingenommen. Langsam formt er seine Sätze, bedächtig wählt er seine Worte aus. Fast so wie ein Pfarrer, der zu seiner Gemeinde spricht.

Diese Tugenden kommen Spycher auf dem Spielfeld zupass. Spycher ist keiner, der verrückte Sachen macht oder sich verbal in Szene setzt. Grundsolide und mit einer erstaunlichen Zuverlässigkeit spult er sein Programm ab, begeht kaum Fehler und ist somit für jedes Team ein Gewinn.

Spycher ist ein Kämpfer, dies beweist auch sein Werdegang. Er galt nie als das grosse Talent, sondern nahm Stufe um Stufe und rackerte sich gewissenhaft nach oben.

Gegen Irland folgte Spychers Karriere-Höhepunkt. Er deckte Weltstar Damien Duff (Marktwert: 38 Millionen Euro!) so gut ab, dass ihn die Experten über den grünen Klee lobten. Das beeindruckte Spycher wenig: „Ich tat nur meinen Job.“

Müller: Der Alternative

Als der Schweizer Innenverteidiger Patrick Müller noch in Genf bei Servette spielte, machte er sich jeweils ein Vergnügen daraus, mit seinem Döschwo ins Training zu fahren. Mancher Passant und Journalist staunte darob Bauklötze, konnte nicht glauben, dass ein gut betuchter Fussballprofi ein derart antiquiertes Auto steuert.

Doch Müller hält wenig von Statussymbolen. Auch jetzt, wo er in Lyon zum Millionär aufgestiegen ist, frönt Müller einem alternativen Lebensstil ohne grossen Luxus.

Müller hört am liebsten die einlullenden Rhythmen Bob Marleys, kleidet sich mit Vorliebe in weite, legere Gewänder und bevorzugt weltoffene Menschen ohne Vorurteile. „Mein liebster Kontinent ist Afrika“, sagt Müller, „wegen der Lebensfreude.“

Innerhalb des Teams gilt Müller als ruhender Pol. Keine Eskapaden, dafür solide Leistungen sind sein Markenzeichen. Und wenn es sportlich einmal nicht so rund läuft, bringt das einen Müller nicht aus der Fassung: „Es gibt noch wichtigeres im Leben als Fussball“, sagt er in typisch alternativer Müller-Manier.

 



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