Die
Fussballnationalmannschaft hat nicht gezaubert und dennoch viele
Schweizer mit der EM-Qualifikation in Fussball-Anhänger verzaubert.
von Pia Schüpbach
Trainer Köbi Kuhn hat die Formel gefunden: Durchschnittliche
Fussballer + ein Zauberer + vier redliche Kämpfer + der Wille zum
Sieg = ein starkes Team. Der zwölfte Mann ist ausnahmsweise
weiblich, Gigi Oeri. Ihr Beitrag zum Erfolg sächlich, auf keinen
Fall aber nebensächlich: Geld.
Aus dem Kollektiv ragt einer heraus: Hakan Yakin. Die defensive
Versicherung Johann Vogel, Schlitzohr Stéphane Chapuisat und
Rackerer Alex Frei überzeugen mit ihrem eigenwilligen Stil. Warum
sie viel zum historischen 2:0-Sieg der Schweiz gegen Irland und
damit zur Qualifikation für die EM 2004 in Portugal beigetragen
haben, steht auf folgenden Seiten:
Väterchen Kuhn nennt sein Team Familie, im Misserfolg und im
Erfolg. Nach Niederlagen regen sich Sportjournalisten darüber auf,
sehen in Kuhn den Opa, der mit verklärtem Blick seinen Nachwuchs
verteidigt. Kuhn indes sieht klar: „Bei einer Niederlage gegen
Irland wäre ich der Depp der Nation gewesen.“
Kuhn geht Risiken ein. Nach erfolgreicher Arbeit mit den Titanen
der U-21 mustert er nach seinem Amtsantritt 2001 in der
A-Nationalmannschaft Captain Ciriaco Sforza aus. Verdienstvolle
Spieler wie Stéphane Henchoz und Stéphane Chapuisat nehmen
zeitweise auf der Ersatzbank Platz.
Klein und doch gross
Die Qualifikation für die EM gibt Kuhn recht und nun wollen alle
zur Familie gehören. Der Vater des Erfolgs macht sich nach dem
2:0-Sieg gegen Irland klein. Captain Jörg Stiel sieht Kuhn
trotzdem, holt ihn zur Familie und hebt ihn in die Höhe.
Zinedine Kuhn
Kuhn sei als Fussballer der „Zinedine Zidane“ der Schweiz
gewesen, sagt die Torhüter-Legende Erich Burgener. Nun zieht Kuhn
als Regisseur eines Teams von aussen die Fäden. „Kuhn kennt die
Materie und hat eine natürliche Autorität.“ Er müsse sich nicht
durch grosse Worte in Szene setzen.
Hakankadabra
Diesen Spieler muss man pflegen“, sagte Andy Egli, Sportchef
beim FC St.Gallen, über Hakan Yakin im Sportmagazin vom Oktober.
Yakin gilt als sensibel, ebenso sein linker Knöchel. Vor dem
Irland-Spiel ist er verletzt, ein Physiotherapeut ist nonstop für
den Knöchel der Nation zuständig.
Die Schweiz leidet mit, die Meldungen über den Heilungsverlauf
füllen täglich einen Einspalter im Sportteil der Zeitungen. Ein
paar Kritiker verstehen das „Theater“ um Yakin nicht. Diesen
zeigt Yakin trotz immer noch lädiertem Knöchel ein Spektakel und
avanciert mit seinem Tor zum 1:0 zum Matchwinner.
Kein Trainingsweltmeister
„Hakanadabra“ - selbst unter Druck zaubert die Nummer 10 der
Schweiz. Seine Pässe in die Tiefe erreichen die Stürmer fast
immer, Vorlagen verwertet er mit sehenswerten Toren.
Trainings-Weltmeister werde der jüngere Yakin wohl nie werden.
Doch für Schweizer Verhältnisse sei er ein genialer Spieler, meint
Egli und nach der Niederlage wohl auch das Irische Nationalteam.
Vogelfrei
Vorne wirbelt Hakan, hinten fliegt Vogel. Seine Sperberaugen
erkennen die Spielzüge des Gegners im voraus. Johann Vogel
vereitelt nicht nur Chancen, sondern zieht das Spiel seiner
Mannschaft von hinten auf, verteilt die Bälle und ist selber
meistens anspielbar.
Sein Spiel ist nicht zauberhaft oder brillant, sondern schlicht.
Der beidfüssig treffischere Vogel macht kaum Fehler. Beinahe
notorisch wird er von Experten kritisiert, er ziehe den Quer- oder
Rückpass dem vermeintlich attraktiveren Steilpass vor.
Eigentor
Ein Eigentor der sogenannten Experten, so man Experte Andy Egli
Glauben schenkt. Wer Vogel gegen Irland gesehen habe, wisse, wie
wichtig der 26-jährige Genfer für die Nationalmannschaft sei.
Der zweifache Familienvater übernimmt beim PSV Eindhoven und in
der Schweizer Nationalmannschaft Verantwortung. „Jede erfolgreiche
Mannschaft braucht einen solchen Spieler“, sagt Egli im
Sportmagazin.
Erfolgreiche Achillesverse
Bei Rennes hat er meistens frei und drückt die Bank: Alex Frei.
In der Nationalmannschaft erzielt er mit beeindruckender Effizienz
Tor um Tor. Aus dem U-21-Nationalteam hat Frei den „fighting
spirit“ mitgebracht und kompensiert mit seinem Einsatz die
fehlende Spielpraxis.
Weitaus mehr Praxis bringt Stéphane Chapuisat mit, seine
Auslandkarriere bei Borussia Dortmund verlief erfolgreich. Im
richtigen Zeitpunkt schlägt der Routinier die Haken eines alten
Hasen und trifft.
Wie der Hase läuft
Chappis Nationalkarriere schien vor zwei Jahren beendet, nun ist
er wieder da: Topskorer bei YB, Vorbild im Nationalteam. Er weiss,
wie der Hase läuft.
„Der Sturm ist die Achillesferse der Schweizer
Nationalmannschaft“, urteilt Andy Egli im Sport Magazin. Der junge
Rackerer Frei und der schlaue Fuchs Chapuisat ergänzen sich aber
optimal. Hinter den beiden zaubert Hakan Yakin. Ein verwundbarer
Sturm zwar und doch erfolgreich.
Finanzielle Spritze
Eine Frau als 12. Mann des Nationalteams. Mit Gigi Oeris Geld
kommt defensive Stabilität und der Erfolg. Zuerst national, dann
international.
Zuerst beim FCB, dann bei der Nationalmannschaft. Hoffentlich
auch nächstes Jahr in Portugal. Den Teint für die heisse Sonne
Portugals hat Oeri bereits vorgebräunt.
„Ich will nicht nur finanzielle Unterstützung leisten, es ist
mir auch ein Anliegen, den Fussball (...) salonfähig zu machen.
(...) Wenn man sich für etwas engagiert und Erfolg hat, dann
geniesst man das natürlich“, sagt Oeri im Sportmagazin vom
Oktober.
Basler für die Schweiz
Als Doppelbürgerin (D-CH) sei bei ihr „das ganz grosse
National-bewusstsein nicht vorhanden.“ Sie stehe aber hinter ihrer
Mannschaft.
Die Basler Mäzenin hat gehofft, dass Kuhn im Nationalteam auf
‚ihre’ Basler Spieler setzt. Kuhn hat auf sie gehört und so
kann sich die ehemalige Physiotherapeutin nun ein Stück des
Erfolges abschneiden.
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